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Memorandum über den AUSZUG DER ZEUGEN JEHOVAS aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen...


Queen Esther
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Memorandum über den AUSZUG DER ZEUGEN JEHOVAS aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen
Created by  Karlo Vegelahn

( Da mein Großonkel Will Rekett diesen Marsch persönlich miterlebt hatte, ist dieses Dokument für mich besonders wertvoll )

AUSZUG DER ZEUGEN JEHOVAS aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen - vom 21. 4. bis zum 3. 5. 1945 -

"Als Jehova die Gefangenen Zions zurückführte, waren wir wie Träumende, da ward unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Jubels; Da sagte man unter den Nationen: Jehova hat Großes an ihnen getan, Jehova hat Großes an uns getan: Wir waren fröhlich!" - Psalm 126:1-3

Obwohl sich diese Schriftstelle nach dem Wachtturm schon 1918 am Volke Gottes erfüllte, drückt diese Schriftwort treffend die Herzensempfindungen aus, die uns beim Abmarsch aus dem KZ bewegten.

Nach fast neun- bis zehnjähriger Gefangenschaft des Volkes Gottes kam im Januar 1945 nun auch für die Geschwister im KZ Sachsenhausen der Zeitpunkt der Befreiung in greifbare Nähe, da das Kriegsglück des Nordkönigs sich von da an ganz offensichtlich zu seinem Unglück wendete und der Südkönig von beiden Seiten immer näher an die Tore Berlins kam. Jetzt war der Gedanke einer eventl. Evakuierung des Lagers immer mehr und mehr Tagesgespräch, wie so oft in der Gefangenschaft, löste nun eine Parole die andere ab, bei der natürlich meistens der Wunsch als Vater des Gedankens zu ihrem Entstehen beigetragen hatte. Kurz gesagt, es liefen ab Januar täglich neue Gerüchte über die vermutliche Zukunft der Häftlinge im Lager.

Es wurden auch gewisse Vorbereitungen für eine Freimachung des Lagers getroffen. Ungefähr die Hälfte des Lagers wurde nach Bergen-Belsen und andere kleine Lager verschickt. Auch einige Brüder, insbesondere Körperbehinderte sowie solche,die angeblich einen längeren Fußmarsch nicht machen konnten, kamen mit auf Transport. Die vollständige Räumung des Lagers wurde aber wieder gestoppt, da der Russe vorläufig nicht weiterkam. Die kriegerrischen Maßnahmen zwangen jedoch die SS, verschiedene andere Lager in Deutschland und in den besetzten Gebieten überraschend zu räumen, die natürlich wieder irgendwo anderweitig untergebracht werden mußten. Einen großen Teil davon bekam dann auch Sachsenhausen zugeteilt, so daß die Lage sehr beengt wurde.

Die Zahl der Belegschaft in den einzelnen Blocks, die normalerweise 150 bis 170 Häftlinge betrug, wuchs jetzt von Tag zu Tag. Immer wieder kamen solche Zugänge aus den verschiedenen Lagern, die natürlich allerhand Strapazen hinter sich hatten. Viele von ihnen machten einen bejammernswerten Eindruck; schmutzig, verlaust, abgemagert bis zum Skelett und völlig apathisch. Ja, es wurde schließlich so schlimm daß die Lagerleitung anordnete, den ersten Ring je Block mit 330 bis 400, den zweiten und dritten Ring je Block mit 600 und den vierten Ring sogar mit 800 bis 900 Häftlingen je Block zu belegen. Welch furchtbar bedrängten Verhältnisse sich dabei ergaben, kann man sich in etwa vorstellen, wenn man bedenkt, daß die normale Belegschaft eines Blocks, wie schon erwähnt, nur 150 bis 170 Mann betrug, also für den halben Flügel, wo sonst 75 bis 80 wohnten, lagen jetzt 400 bis 450 Häftlinge! Viele waren nun gezwungen, draußen im Stehen zu essen und zu vier bis fünf Mann in zwei Betten und dann vierstöckig übereinander zu schlafen.

Trotzdem daß nun sogar im Winter die Fenster ausgehängt wurden, war die Luft fast unerträglich - "zum zerschneiden"! Dazu kamen noch die hygienischen Verhältnisse, wie z.B. Waschen und Austreten usw. Ganz abgesehen von der seelischen Belastung bei einer solchen Belegung! Vergegenwärtige man sich nun einmal einen Aufenthalt in einem solchen Tagesraumflügel, z.B. zur Zeit der Esseneinnahme an einem Winterabend: 400 bis 450 Häftlinge kommen müde und abgespannt von der schweren Arbeit heim. Der Tagesraum ist eingeheizt, die Fenster sind geschlossen und verdunkelt, dazu der Wohlgeruch der "deutschen Annanas (Steckrüben) - das ewige Sachsenhausener Spezialgericht! Hinzu kommt weiter die Körperausdünstung dieser ganzen Leute und dann noch das babylonische Kauderwelsch der verschiedenen Nationen - meist aufgeregt und gekreuzt durcheinanderredend - wo einer den anderen nicht versteht.

Zu erwähnen sei noch, daß um diese Zeit auch noch einige Tausend Frauen verschiedener Nationalitäten eintrafen, die teils in der Isolierung, teils im kleinen Lager untergebracht wurden. Außerdem mußten dann später noch 200 bis 300 Frauen, die bei einem Bombenangriff auf die Auerwerke z.T. sehr schwer verwundet wurden, ins Revier aufgenommen werden.

Allmählich rückten nun die beiden Fronten immer mehr auf Berlin zu, und die Frage der Sicherheit des Lagers trat immer mehr in den Vordergrund. So kam nun mittlerweile der 20 April heran, der die endgültige Entscheidung bringen sollte. Wir hatten zwar schon mehr oder weniger Vorbereitungen getroffen, wie z.B. etwas vom Munde abgehungertes Brot als "eiserne Ration" geröstet, sowie die notwendigsten Habseligkeiten in teilweise selbstgefertigte Rucksäcke verpackt usw. Trotzdem brachte die Nachricht von der nun morgen (21.4.) befohlenen endgültigen Evakuierung doch einigermaßen Aufregung ins Lager. Wie es schien, aber am meisten bei der SS selbst, unter denen es begreiflicherweise viele kopflose Geister gab. Es mag für die Lagerleitung gewiß nicht einfach gewesen sein, 25- bis 30 000 Häftlinge so überraschend auf den Marsch*zu bringen. Gewiß hatte auch sie sich schon lange mit dem Gedanken vertraut gemacht, denn wochenlang hatte man vorher schon alle Akten, Karteien, Geheimpapiere und wichtige Unterlagen, wie auch Adressen und Namenslisten vernichte - ein Zeichen für uns, daß etwas wichtiges bevorstand.

Die Erfahrungen des Volkes Gottes, die sich von jetzt ab zutrugen, "sind derart wunderbar, daß sie wert sind, zur Verherrlichung des heiligen Namens Jehovas festgehalten zu werden. Wir möchten daran erkennen, wie herrlich der große Gott sein Volk ab diesem Zeitpunkt führte, es war oft derart Überwältigend, daß wir heute noch nicht aus dem Staunen herauskommen. Von diesem Tage an fing sich sichtbarlich das Wort des Propheten Maleachi an uns zu erfüllen, der da sagt:

"Und ihr werdet abermals den Unterschied sehen zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient."(Mal 3:18)

Schon im Januar diese Jahres, als die Frage der Evakuierung akut zu werden begann, stand bei uns der Entschluß fest, daß, wenn wir je aus dem Lager gehen sollten, wir - soweit es an uns läge - nur als eine geschlossene Einheit das Lager verlassen würden. Dementsprechend wurde beschlossen, bei einem evtl. Abmarschbefehl sollten alle sich "nach Möglichkeit sofort vor Block 4 versammeln. £ -- Am 20. 4. gegen 12 1/2 Uhr nachts traten - besonders im kleinen Lager - fast chaotische Zustände ein. Hier waren in mehreren Blocks weibliche und in 10 bis 12 Blocks männliche Häftlinge untergebracht. Diese rotteten sich teilweise zusammen (mit den Frauen), brachen in die Uhrmacherwerkstätten ein, auch in andere Blocks, raubten und plünderten, was die SS vorher den Duden usw. abgenommen hatte. Hier also wurden die Räuber wieder beraubt. Leider wurden bei dieser Gelegenheit auch ca. 12 000 Rote-Kreuz-Pakete gestohlen, was natürlich auf Kosten der anderen Häftlinge geschah. Die dämonisierten Blockältesten versuchten nun zusammen mit den aus ehemal. Häftlingen zwangsweise zusammengestellten und bewaffneten Lagerschutz dieser Lage Herr zu werden.

Es wurden verschiedene Häftlinge fast zu Tode geprügelt und einige auf der Stelle erschossen· Da die Brüder aus dem kleinen Lager hierdurch nun in eine bedrängte Lage gerieten, fluchteten sie sich in die Schneiderwerkstätten, wo sie bis zum anderen Morgen verblieben·

Es befand sich unter anderem auch eine schwerkranke polnische Schwester im Revier des Frauenlagers Diese mitzubekommen war unsere vornehmste Sorge, da sie bei diesen bedrohlichen Zuständen bestimmt nicht die Reise überlebt hätte. Wir beschlossen deshalb, diese Schwester - wenn es sein müßte - direkt gewaltsam aus dem Frauenlager zu entführen, was dann auch einem Bruder am anderen Morgen gelang. Sie kam in Männerkleidung zu uns und wurde unserer wärmsten Obhut anbefohlen.

Am Morgen des 21.4. begann nun der Aufmarsch der einzelnen Kolonnen. Zunächst die Tschechen und Polen, dann folgten die anderen Nationen,.und zuletzt sollten die Deutschen kommen. Es wurden Kolonne zu je 600 Mann gebildet, denen je ein Häftlingsarzt und ein Häftlingspfleger zugeteilt wurden.Hierdurch wurden auch die im Revier beschäftigten Brüder aufgeteilt, um dann jeweils so einer Kolonne beigegeben zu werden. Sie versuchten aber, mit Ausnahme von zwei Brüdern, sich dieser Bindung zu entziehen, um an der Gemeinschaft der übrigen Brüder teilzunehmen.

Ganz wieder Erwarten brauchten wir uns nicht auf dem unruhigen Appelplatz zu versammeln, sondern der Herr hatte, wie schon erwähnt, durch Vermittlung der Brüder, die in der Schneiderei arbeiteten, ein ruhiges Plätzchen in den Räumen der Werk-Schneiderei für uns reserviert, welcher uns später sogar durch die Lagerleitung offiziell überlassen wurde.

Nun war Gottes Volk beisammen - abseits von dem lärmenden Getriebe des Aufmarsch-Rummels, und harrte geduldig und vertrauensvoll der jetzt folgenden Ereignisse. Es war so recht ein ruhender Pol inmitten der aufgeregten Volksmassen. Merkwürdigerweise erhielten wir die Anweisung, auf diesem Platz solange auszuharren, bis wir den ausdrücklichen Befehl der Lagerleitung zum Aufbrechen erhalten würden Da, wir sollten selbst dann noch nicht heraustreten, wenn es heißen würde: "Alle Deutschen antreten!" Verschiedentlich versuchte nun der Teufel durch Unwissendheit, uns aus diesem Reservezustand herauszulocken und in den Aufmarschstrudel mit hineinzuziehen. Wir ließen uns aber dadurch nicht irre machen.

Die ersten abmarschierenden Kolonnen bekamen pro Mann ein Brot und eine Dose Wurst mit. Diese Ausgabe verlangsamte natürlich den Abtransport sehr und erschwerte auch die Obersicht, denn bei der Menge (25 - 30 000 Häftlingen) versagte die Kontrolle, und viele holte sich doppelte Rationen. Die späteren Kolonnen - darunter auch wir - bekamen keine Verpflegung mehr mit. Und zwar nicht, weil etwa nichts mehr vorhanden war, es war noch reichlich da. Der Grund war vielmehr ein überraschender Durchbruch der Russen-am Abend des 21.4. und die Furcht der SS, den Abmarsch durch die Lebensmittelverteilung unnötig zu verzögern. Trotzdem sorgte, der Herr in wunderbarer Weise für uns, wie wir noch sehen werden. -

Nun war Gottes Volk beisammen und wartete auf weitere Weisungen vom Herrn. Inzwischen wurden schnell noch alle kranken Brüder aus dem Revier geholt und ebenfalls nach der Schneiderei gebracht. Gemäß den Anweisungen der Schrift, daß "nicht eine Klaue" zurückbleiben durfte, hatten wir sämtliche illegale Literatur mitgenommen, die uns im Laufe der Bahre geistig auf recht erhalten hatte. Der eine hatte diesen, der andere jenen WT, andere hatten wieder eine Bibel, und so begannen wir unsere gemeinsamen Betrachtungen - die erste kleine Hauptversammlung - wie wir sie in dem Umfange wohl lange nicht gehabt hatten, während dieser Versammlung wurde unsere friedliche Stille einmal durch Schüsse unterbrochen. Es wurden nur einige Meter von uns entfernt, acht Häftlinge wegen Plünderung erschossen. Im Übrigen verlief die Versammlung ruhig und war sehr stärkend und segensreich, es war schon ein kleiner Vorgeschmack von der bevorstehenden Freiheit.

In den vergangenen Jahren hatten wir uns oft über den Zeitpunkt und die Art und Weise unserer eventl. Befreiung unterhalten. Manches war darüber geredet und gemutmaßt worden, aber sooo hatte sich wohl keiner von uns den Ausmarsch vorgestellt! Der Herr hatte eben oft seine eigenen Wege mit seinem Volke, daß mußten wir noch vielfach auf dieser Reise erleben.

Als sich der Abtransport wegen der großen Menge doch in die Läng zog, beschlossen wir, ein jeder sollte zum Essenempfang noch einmal kurz auf seinen Block gehen, dort schnell essen und dann sich wieder am alten Platz einfinden. Aber siehe, auch hier verfolgte der Herr seinen eigenen fürsorglichen Weg. Es kam plötzlich die Anweisung: "Alles bleibt hier, das Essen kommt hierher!" Und nach kurzer Zeit war eine gut gekochte Diät in reichlicher Menge vorhanden, und alle ließen es sich dankbaren Herzens gut schmecken. Dann hieß es: Da unser Abtransport kaum vor dem nächsten Morgen zu erwarten wäre, wird alles in der Schneiderei übernachten, und mit einem Lied und Gebet legten wir uns dann gemeinsam zur Ruhe - mit dem Wunsch, daß auch unsere anderen Schwestern, die vorn in der Verwaltung separat beschäftigt waren ebenfalls zu uns stoßen und mit uns ziehen möchten. Hierzu hatten wir am Tage schon mehrere Versuche unternommen, aber bis dahin ohne Erfolg.

Wir hatten nun wohl kaum eine halbe Stunde gelegen und waren z. gerade eingeschlafen, da ertönte die freudige Botschaft: Soeben sind auch unsere Schwestern angekommen und - wenn auch mit etwas wiederstrebender Einwilligung der Lagerleitung - ebenfalls unserem Aufenthaltsort zugewiesen

Nach herzlicher Begrüßung gingen wir dann alle wieder schlafen. Kaum waren wir eingenickt, ertönte das Signal: "Alle Zeugen Jehovas sofort fertig machen!" Schnell wurden die Habseligkeiten zusammengepackt, die kranken Geschwister auf einen kleinen ausrangierten Rollwagen verladen, und schon ging es langsam - in Marschordnung in Kolon nen zu fünft gruppiert - zum Tor hinaus.

Zum letzten Mal marschierten wir nun durch das Tor, durch welche viele von uns vor fünf bis neun Jahren mit der möglichen Erwartung hineinmarschiert waren, es wohl kaum wieder lebend für immer zu verlassen. So hatte es sich der Teufel ausgedacht und es uns auch oft durch seine Handlanger versichern lassen! Jedoch der Herr hatte andere Wege! Sachsenhausen lag nun für immer hinter uns. Welche Gefühle unser Herzen bei diesem Gedanken bewegten, vermag man nicht völlig auszudrücken.

Jetzt wanderte Gottes Volk inmitten der endlosen Flüchtlingskolonnen als eine geschlossene Einheit, und auch als ein "eigentümliches Volk", zu einem "Schauspiel für Engel und Menschen"! Als vorläufiges Reiseziel war Wittstock a.d. Dosse genannt worden. Etwa 85 km von Sachsenhausen.

Erwähnenswert sei noch, daß sich unser irdisches Hab und Gut von Stund an mehrte. So hatten wir zum Beispiel im Lager zunächst nur einen Wagen für die kranken Geschwister und das Gepäck. Dazu brachten die Schwestern dann noch einen kleinen zweirädrigen Wagen für ihr eigenes Gepäck mit, sogar mit Gummibereifung - ganz vornehm! Kaum waren wir vor dem Tor, bekamen wir den dritten und vierten Wagen dazu. Und zwar mit Gepäck für die Bewachung und einer mit Privateigentum des Lagerführers. Die beiden letzteren waren zwar eine erhebliche Belastui mehr für die Brüder, weil alles geschoben werden mußte. Wie wir aber bald erfahren mußten, wurde dieser Umstand vom Herrn zugunsten seines Volkes ausgenutzt. Inwiefern? Gerade der letzte Wagen enthielt anscheinend so wertvolles "Raubgut" der hohen Herren, daß sie sich genötigt sahen, zu dessen Schutz folgende Sonderregelung vorzusehen. 1. wurde als Transportführer für unsere gesonderte Kolonne von ca. 230 Mann (wo alle anderen Kolonnen 500 betrugen) ein besonderer Unterscharführer zugeteilt. Er war eine seltene Ausnahme "menschlichen" Charakters, der uns nicht schlecht gesinnt war, aber trotzdem energisch genug, sich allezeit seiner besonderen Order durchzusetzten. 2. erhielt dieser für unseren Transport besondere Vollmachten. Dadurch brauchte er sich nicht unbedingt an die Marschroute zu halte den der große Treck zog. Er konnte besonders günstige Wege und Quartiere für uns suchen. 3. war strengster Befehl ergangen, darauf zu achten, daß sich keine anderen Häftlinge bei uns einschlichen; alles Dinge, die man bestimmt nicht zu unserem Wohle ausgedacht hatte, sondern nur zur Sicherheit ihres wertvollen Gepäcks. Der Umstand der Absonderung usw., kam dann ώβτ auch uns zugute, wie wir noch sehen werden.

Unsere Isolierung hätte in der Vergangenheit bestimmt keine Schwierigkeiten gemacht, weil es in der Nähe der Bibelforscher immer sehr heiß war, d.h. wegen der schikanösen Behandlung, die unseren Aufenthalt immer begleiteten, mied jeder gerne unsere Nähe. Jetzt aber war plötzlich ein solcher Wandel eingetreten, daß auch andere "sahen, daß Gott mit uns war", daß wir viel Mühe hatten, zu verhindern, daß sich keine fremden Elemente aus berechnenden Gründen in unseren Treck einzuschleichen versuchten. Leider sorgte der Teufel bald dafür, daß wir durch eine spätere Ablösung unseren anständigen Komandoführer verloren und wir einen Transportführer erhielten, der wahrlich das ganze Gegenteil war. Allerdings erstanden uns daraus Erfahrungen besonderer Art, die wir auch nicht missen möchten.

So zog nun unser Treck seine endlose Straße dahin, links und rechts flankiert von bewaffneter SS. Die Luft war eisig kalt, dazwischen Regen und Hagel. Also ein richtiges Aprilwetter! So unangenehm dies auch war, hatte es doch auch etwas heilsames. Die Müdigkeit verging, der Körper blieb frisch und munter für die beschwerliche Fahrt, die wir bei warmen Wetter kaum so überstanden hätten. In der ersten Nacht und am folgendem Tag wurden ca. 51 km zurückgelegt, und zwar ohne jegliche Verpflegung - nur das Wenige, was sich der einzelne von den letzten Tagen abgehungert hatte. Zusätzlich kamen noch etwas Nahrungsmittel, die Geschwister in letzter Minute noch beschafft hatten.

Nach fast einstündigem flotten Marsch sahen wir hinter uns schor große Explosionen, die wohl von russischer Beschießung Oranienburgs und Sachsenhausens herrührten. Kurz, die Russen waren uns schon hart auf den Fersen und unsere Bewachung z.T. in begreiflicher Aufregung, Mancher Schuß pfiff durch die Nacht und zeugte von der Mordmethode unserer Bewachung, was nicht mit konnte, blieb erschossen am Wege liegen. Am grauen Morgen sahen wir auch dann rechts und links von der Straße manches Tote Opfer. Bis zum ersten Quartier zählte man allein über dreihundert Tote! Auf dem ganzen Marsch bis zur Übergabe an die Amerikaner in Schwerin waren es - wie nachträgliche Feststellung ergab - Tausende!

Das wunderbarste an allem ist: Von unserem Trupp - rund 230 Geschwister - blieb nicht einer! Auch von den Schwächsten und Kranken blieb nicht einer liegen - trotzdem wir mehrere Brüder von 65 bis 72 Jahren bei uns hatten, die aber tapfer mit durchhielten. Man sah immer wieder, wie der theokratische Gemeinschaftsgeist und die Bewahrung durch die Engel des Herrn uns sichtbar leiteten., wie herrlich erfüllte sich in diesen Tagen das Wort aus Jesaja 40:29, 30, wo es heißt: "Er gibt den Müden Kraft und reicht den Unvermögenden Stärke dar in Fülle. Und Jünglinge ermüden und ermatten, junge Männer falle? hin; aber, die auf Jehova harren, gewinnen neue Kraft: Sie erheben ihre Schwingen empor wie die Adler; sie laufen und ermatten nicht, sie gehen und ermüden nicht!"

Nun waren wir mittlerweile schon achtzehn Stunden unterwegs - ohne eine längere Pause - und ohne Nahrung und ohne Schlaf (Nachtruhe). Auch hatten wir einige eisigen Regen- und Hagelschauer hinter uns, und so langsam begannen die Brüder müde zu werden und matt. Immer noch ging es weiter, als solle es schon wieder die zweite Nacht durchgehen, und manche von uns wurden ungeduldig und ließen den Kopf hängen. Jetzt kamen wir in die Nähe von Neuruppin - einer Stadt, die stark durch Fliegerschäden mit genommen sein sollte und auch tatsächlich war. Vorgesehen war eigentlich eine Rast vorher. Da aber kein Ouartier weder in der Stadt noch vor der selben zu erhalten war, sah die Lage sehr trostlos aus. Da erinnerte sich ein Bruder, der aus Neuruppin stammte und vor neun Jahren dort verhaftet und verurteilt worden war, daß Geschwister - damals selbst wegen der Wahrheit im KZ - außerhalb der Stadt ein kleines Anwesen mit Scheune hätten, das jetzt zwar von Angehörigen der betr. Geschwister bewohnt würde. Als nun der müde Trupp in Neuruppin angelangt war, fast völlig entkräftet durch die letzten Strapazen, machten sich die Quartiersucher auf den Weg nach Bechlin. Sie warteten nun am Ausgang der Stadt gespannt auf das Resultat. Viele Geschwister waren nun derart erschöpft, daß sie sehr schwarz sahen. Andere wieder erinnerten daran, daß gerade in solchen Momenten der Herr Gelegenheit nehmen werde, seine Fürsorge zu bekunden ... gerade da, wo wir überhaupt keinen Ausweg mehr sehen würden.. (Wie es in alten Tagen schon beim Volke Israel der Fall gewesen sei.)

Abgespannt bis zum äußersten, versuchte man in Bechlin ein Quartier zu bekommen. Zunächst bestanden gewisse Schwierigkeiten, da sich die Bevölkerung anfangs weigerte, der SS bzw. den Häftlingen Scheunen zur Verfügung zu stellen, weil sie - vielleicht aufgrund gemachter schlechter Erfahrung - befürchteten, beraubt oder sonstwie benachteiligt zu werden.

Wir gingen dann zu den genannten Verwandten der Geschwister und zwar unter der Führung des Bruders, der schon vor neun Jahren dort im Hause verkehrt war. Hier erlebten wir eine unvergessliche Szene der Wiedersehensfreude. Sicherlich hatten diese lieben Freunde kaum gehofft den Bruder jemals wiederzusehen. Jetzt stand er plötzlich vor ihnen -wie vor neun Jahren! Mit Tränen in den Augen riefen sie aus: "Aber Herr G., SIE sind wieder hier?!" In fassungslos freudiger Erregung erbeb ihre Stimme. Auf unsere Erklärung, daß wir mit etwa über 200 Zeugen Jehovas hier für eine Nacht Quartier suchten, erklärten sie sich sofort bereit, 100 von uns in ihrer eigenen Scheune unterzubringen und für den Rest zu versuchen, in der Nachbarschaft eine Scheune zu bekommen. Beim ersten Versuch ergaben sich noch Schwierigkeiten, die sich sofort zerstreuten, als wir ihnen erklärten, daß unser Treck ja nur aus Zeugen Jehovas bestände, also kaum ein Grund zur Befürchtung vorläge. Was also der SS nicht gelungen war, schenkte uns der Herr. Dieser Verhandlungserfolg fiel sogar unserem Unterscharführer auf, (in Erfüllung von Maleachi 3:18) sodaß er es vorzog, künftig nichts mehr zu unternehmen, ohne dabei einen Bruder zu Rate zu ziehen, sodaß wir später über alles immer rechtzeitig unterrichtet waren und auch über alle Entscheidungen, uns betreffend, einen mitbestimmenden Einfluß hatten.

In zwei Scheunen wurden dann je 100 Geschwister untergebracht. Sie machten sich notdürftig ihr Lager fertig, froh und dankbar, endlich ein Dach über dem Kopf zu haben, wo sie ihre müden Glieder etwas ausruhen durften. Trotz der großen Müdigkeit gaben die Geschwister noch fleißig Zeugnis und öffneten dadurch mehr und mehr die Herzen de Menschen, die immer freundlicher zu uns wurden und sogar am anderen Morgen für alle Geschwister Kartoffeln und etwas Suppe kochten, was ihnen sicherlich der Herr gemäß seinen eigenen Worten von dem Gleichnis von den Schafen und Böcken in Matth. 25:31-45 anrechnen wird.

Der kleine Ort Bechlin mag wohl noch nie so große Mengen Zeugen Jehovas gesehen haben, die das Lob Jehovas besangen und gerader diese Ort bekam dadurch eine besondere Bestätigung des Zeugnisses, daß die Geschwister hier vor neun Jahren bei ihrer Verhaftung gegeben hatten. Es war so recht eine Bestätigung dessen, was Jehovas Zeugen hier eben falls 1934 der ruchlosen Organisation der Nazis angekündigt hatten, nämlich ihre restlose Vernichtung von Seiten Jehovas.

Nach einer wohldurchruhten Nacht traten die Geschwister dann am anderen Morgen, den 23.4. dankbaren Herzens ihre Weiterreise an, dass nächstes Ziel das kleine Örtchen Rägelin, etwa 28 km von Bechlin war.

Schon zeigten sich die ersten Flüchtlingstrecks und Truppenverschiebungen, die uns die Nähe der Front erkennen ließen. Und überall säumten tote Häftlinge beiderseits die Landstraße. Ferner begegnete man durch Fliegerangriffe zerstörten Fahrzeugen, abgestürzten Flugzeugen und verendeten Pferden, über deren Kadaver sich dann jedesmal die ukrainischen und russischen Häftlinge - aus ihrem Treck herausspringend - in wilder Gier stürzten, um sich in aller Eile mit Messer und Händen Fleischfetzen daraus zu reißen, die sie dann gebraten oder gar roh verschlangen. Ihre Taschen, Hände und Gesicht waren vielfach mit Blut beschmiert. Ebenso benahmen sie sich, wenn irgendwo Kartoffel mitten am Wege waren. Sie wurden dann meistens mit Knüppeln und Schreckschüssen in ihren Treck zurückgetrieben - ein widerlicher tierischer Anblick. Auf manchen Kartoffelmieten lagen sogar tote Häftlinge, mit dem Gesicht auf die geöffnete Miete, in den verkrampften Händen noch Kartoffeln haltend. Gegen Spätnachmittag erreichten wir dann Rägelin, wo unser Transportführer uns wieder eine Scheune besorgt hatte.

Interessant und segensreich ist auch die Erinnerung, auf welche Art und Weise der Herr so oft auf dieser Reise für die irdischen Bedürfnisse seiner Kinder sorgte. Da hatten wir z.B. einen Bruder, der sich gerade diese Sache angelegendlichst empfohlen sein ließ. Er und noch einige versuchten schon während der Fahrt jede passende Gelegenheit zu ergreifen, Lebensmittel irgendwelcher Art anzuschaffen, indem sie bei Durchmarsch durch ein Dorf die Dorfbewohner um solche anhielten und meistens auch hier und da etwas bekamen; hier waren es meistens Kartoffeln, dort etwas Mehl usw. Das brachte für diese Brüder natürlich manche Beschwernisse mit sich, denn der Trupp wanderte weit? und sie mußten dann - weil die Beschaffung sich immer verzögerte - mi' den Sachen hinter dem Trupp herlaufen, um ihn ordnungsgemäß einzuholen.

Auf diese Weise entwickelten sich diese Brüder regelrecht zu Proviantierungsgenies, sodaß - besonders einer - dann später zu unsere Einkäufer bestimmt wurde, der beim Haltmachen des Trecks "auf Erkundungsfahrt" ging. Es ist verständlich, daß diese Fahrten für die Brüder reich gesegnet waren, denn es waren sehr viele Zeugnisgelegenheit damit verbunden, wovon er nachfolgend einige hier zum Besten gibt, in« dem er erzählte:

"Im Orte Rägelin z.B. waren in einem Hause 12 Wehrmachtsangehörige anwesend, denen ich gleich mit aller Freimütigkeit Zeugnis von Gottes Königreich gab und ebenfalls vom KZ. Sie hörten aufmerksam zu, meinten dann aber, ich solle bloß nicht zu laut sein, denn nebenan säßen Wehrmachtshelferinnen, aber um so lauter stieß ich in die Posaune. Unter dem Hinweis, daß sie es ebenso wissen müßten, daß man unmittelbar vor der Erfüllung der Ankündigung vom 7. Oktober 1934 stände, wo Jehova sein Urteil an diesem Naziregime vollstrecken würde, wie er es ihnen durch uns angekündigt hatte. Und wenn wir bisher nicht nachgegeben hätten, käme jetzt natürlich ein "Leisetreten" erst recht nicht mehr in Frage! Das Resultat war, daß sogar die Wehrmachtsangehörigen alles taten, um etwas zu der Unterhalt beizutragen, sodaß wir mit einer reichen Ernte  heimzogen, zur Freude unserer hungrigen Brüder."

"Beim nächsten Großbauer war das ganze Gesindel versammelt und ich brachte meine Bitte auf Überlassung von etwas Lebensmittel vor. Zögernd ging der Bauer mit mir fort und gab mir eine halbe Kiepe Kartoffeln. Dann bat er mich, ihm doch einmal restlos zu erzählen, wie die Dinge wirklich lägen, er hätte schon immer Gewissensbisse gehabt, dieses System zu unterstützen. Aufmerksam folgte er meinen ganzen Darlegungen und meinte dann: Sie und ihre Leute bekommen alles, was sie nur brauchen, denn diese Leute liebe ich. Er hatte dann noch viele Fragen."

"Auf einer anderen Stelle war eine Frau beim Melken. Als sie nun noch etwas zögerte, mir Lebensmittel zu überlassen, legte der SS-Posten, der mich dorthin begleitete, sogar ein gutes Wort für uns ein. Da nun ebenfalls noch einige Soldaten anwesend waren, legten sie alle etwas Geld zusammen - ein Feldwebel tat sogar 20 Mark dazu - und ermunterten uns und sagten: "Nur Kopf hoch, Jungs, es geht nur nach eine kurze Zeit, dann seid ihr auch wieder frei!" Bei einigen Bauern erhielten wir Brot und Milch, Mehl, Kartoffeln und sogar belegte Butterbrote. Ja, wir hatten Fülle, wo sich die Herzen der Menschen schon nach kurzem Zeugnisgeben derart öffneten, daß die Bauern oft ihr letztes Brot mit uns teilten! Überall stellten wir einen großen Hunger nach' der Wahrheit fest, wie der Prophet Gottes vorausgesagt hat: "Nicht ein Hunger nach Brot, sondern das Wort Jehovas zu hören!" (Amos 8:11)

Am nächsten Morgen, Dienstag, den 24.4. wurden wir nach einer leidlich durchruhten Nacht wieder geweckt. Das Wasser war allerdings sehr knapp. Mit etwas von diesem kostbaren Naß in den Eßnäpfen wurde die nötigste Toilette gemacht. Zwar etwas primitiv, aber es half sich. Die Schwestern waren etwas früher aufgestanden und hatten bei ihrem Bauern eine schmackhafte Suppe für uns alle gekocht, die wir dankbaren Herzens und mit Appetit verzehrten.

Nun setzt sich unser Treck wieder in Bewegung. Auf dem Wege machten wir die Feststellung, daß fast keine Toten mehr an der Straße lagen. Wie wir erfuhren, hatte sich das internationale Rote Kreuz über die vielen Erschießungen von Häftlingen beschwert und bewirkte, daß künftig keiner mehr erschossen werden sollte, sondern die Marschunfähigen wurden am Wege liegengelassen und durch Rote-Kreuz-Autos gesammelt und fortgeschafft, wohin, erfuhren wir nicht. Am Nachmittag kamen wir - nach etwa 24 km Marsch in Christhof an, wo wir in zwei Scheunen untergebracht wurden. Durch Vermittlung unseres "Einkäufers" schenkte und der Herr wieder verschiedene Zentner Kartoffeln, dazu etwas Mehl und sogar Milch! Also reichlich zu essen! Es wurden ein paar Pellkartoffeln gereicht und auch eine schmackhafte Suppe bereitet. Auch waren die Wasserverhältnisse ganz gut, so daß schöne Gelegenheit zum Waschen und Rasieren geboten war. Im Übrigen verlief dann der Tag und Abend sehr gesegnet!

Am 25. 4. wurden wir wieder um 7 Uhr geweckt. Eine Suppe - mit Liebe bereitet - stärkte uns für den nun vor uns liegenden Weg. Es war vorgesehen, noch einmal seitlich Wittstocks - etwa 2 km abseits von einem Gutshof zu übernachten, wir hatten uns jedoch verfahren und so mußten wir weiter und marschierten zunächst durch Wittstock, einer größeren Stadt, die noch wenig von Fliegern beschädigt war. Wir -beschlossen dann, einige Kilometer hinter Wittstock in einem Walde vor Below zu übernachten, da der Tag schon sehr zur Neige ging, wir waren heute etwa 20 km marschiert. Es war hier das erste Mal, daß wir im Freien übernachteten. Nach Verlöschen der Feuerstellen rückten wir uns eng aneinander und brachen am anderen Morgen - vor Kälte - schon sehr frühzeitig auf. Trotzdem war die Stimmung an diesem Morgen den 26. 4. recht gut.

Es war noch Essen genug vorhanden, und nach Betrachten des Tagestextes wurden noch einige Lieder gesungen und schon zogen wir wieder fröhlich weiter. Jetzt ging - nur 5 km weit - angeblich nach dem großen neuen Lager bei Wittstock. Es handelte sich hier um einen großen Wald, Below genannt, wo wir vom 26. 4. bis 29. 4. blieben

Der Anblick, der sich uns hier bot, ist kaum zu beschreiben! 24 bis 25000 Sachsenhausener Häftlinge und noch einige Tausend vom Heinkellager waren hier in einem großen Buchenwald auf engsten Raum zusammen gepfercht und von einer starken Postenkette umgeben. Aufgrund unserer kleinen Vorerfahrungen der letzten Nacht machten wir uns nun gleich daran, für unseren Trupp - etwas abseits vom Nordrand - ein Plätzchen abzugrenzen, und richteten dann unsere Zelte und Hütten auf.

Inzwischen stießen noch 18 Geschwister von Heinkel zu uns, so daß wir jetzt alle von Sachsenhausen beisammen waren, ca. 230! Somit war die Absicht des Teufels, uns alle zu zerstreuen, mal wieder glänzend vereitelt worden. Die fehlenden Geschwister wurden nun freudig begrüßt und halfen gleich mit beim Zurichten unserer Wohnung.

Es war natürlich unter den Umständen ganz unmöglich bei dieser großen Menge männlicher Häftlinge die paar Schwestern weiter bei uns zu lassen. Sie wurden nach einem kleinen Nachbarort - Grabow - gebracht, wo wir sie einige Tage später wieder trafen.

Der größte Übelstand war der Mangel an Wasser, daß für die vielen Tausende völlig ungenügend war. Es handelte sich um einen ganz kleine Bach von ca. 1 m Breite, völlig verschlammt und dreckig; es war somit kaum zum Kochen geeignet, geschweige denn zum Trinken! Zudem war er 1 km vom Lagerplatz entfernt! Dennoch war das Element so kostbar, daß sich die Häftlinge wie die Tiere darauf stürzten, sodaß sie kaum mittels Knüppelhieben und Schreckschüssen wieder zu vertreiben waren. Also ein ganz unhaltbarer Zustand!

Die Brüder entschlossen sich sofort, einen eigenen Brunnen auszubauen, was dann auch mit vieler Mühe und sehr primitiven Mitteln, (ohne Spaten mittels Eßschüsseln) gelang. Aus fünf bis sechs Meter Tiefe sickerten drei bis fünf Liter einigermaßen sauberes Grundwasser empor. Das war zwar nicht viel, aber für unseren Bedarf genügte es, wenn man etwas wartete, bis das kleine Loch wieder vollgesickert war. Dieses "Wunder" hatte sich natürlich bald herumgesprochen und war später der Anlaß zu manchem Kampf mit dem neidvollen Nachbarn. Andere Brüder machten Gruben zum Austreten. Alle anderen Brüder, die unbeschäftigt waren, bauten aus Sträuchern und Laub Hütten, worin einige eine fabelhafte Geschicklichkeit bewiesen, sodaß unser Lager an das Laubhüttenfest bei dem Volke Israel in alten Tagen erinnerte. Unwillkürlich gedachten wir auch der - spöttisch gemeinten - Worte unseres ersten Lagerführers Kolb, den wir kurz vor Below getroffen hatten und der da meinte: "Na, nun geht hin und baut Laubhütten wie die Kinder Israels und laßt euch Manna regnen!" (Damit andeutend: zu essen gibt es hier nichts.) Und in der Tat, der Herr hat auch in jeder Hinsicht für sein Volk gesorgt: - "Manna" geistig sowohl wie auch leiblich! - wie wir noch sehen werden. Ihm sei Dank dafür! Seine liebende Fürsorge wird uns unvergeßlich bleiben! Es hatte jeder seine Beschäftigung, sodaß unser kleines Lager bald in angenehmer Weise von dem großen abstach. Bemerkenswert war noch die Feuerstelle, die uns einige Brüder mit großem Geschick angelegt hatten, sodaß tatsächlich eine Feuerstelle ausreichte, um für die ganzen 230 Personen zu kochen.

Ferner sei noch erwähnenswert, daß wir uns nach biblischem Vorbild in neun, später in zehn, Gruppen aufteilten, deren jede in Größe von 20 bis 25 Mann durch einen Gruppendiener vorstanden, geleitet und bei den Besprechungen vertreten wurde. Indem nun jeder wußte zu welcher Gruppe er gehörte, war es leicht, Essen zu verteilen, Bekanntmachungen durchzugeben und auch ungestört Versammlungen durchzuführen. Diese Einrichtung hat sich auf unserer ganzen Pilgerfahrt außerordentlich segensreich erwiesen und wurde bis zum Schluß strikt durchgehalten. Manche schöne Gruppenversammlung erfrischte die Herzen der Geschwister.

Zum ersten Mal erhielten wir hier dann etwas Lebensmittel vom Lage zugeteilt - man staune - für ca. 230 Personen zwei kleine Dosen Cornetbeef und zwei Eßschalen voll Mehl, was dann in der gemeinsamen Küche verwandt wurde. Der Grundsatz, möglichst alles gemeinsam für alle zu verwenden, hat sich sehr segensreich erwiesen, denn, was sonst für den einzelnen kaum fühlbar gewesen wäre, war in der allgemeinen Küche dann für die Gesamtheit doch oft eine gute Hilfe, ein Umstand, der uns wesentlich vom großen Lager unterschied, wo die meisten jeder in seiner Selbstsucht nur auf sich bedacht war. Da sich nun inzwischen die Transportleitung unserer Vertrauenswürdigkeit wieder erinnerte, mußten bald vorne in der Küche einige Brüder helfen. Dadurch fiel dann auch manches für unsere Küche ab, sodaß es im Laufe der Zeit ganz erträglich wurde.

Zu erwähnen sei noch, daß wir uns hier in Below einer sehr ernster Ermahnung des WT betreffend der Tabakfrage erinnerten und diese unter uns bereinigten. Da wir von vier - fünf Brüdern erfuhren, daß sie unterwegs noch beim Rauchen gesehen worden waren, hielten wir ihnen noch einmal die betreffenden Ermahnungen des WT vor Augen, die sie im Lager schon wiederholt gelesen hatten und forderten sie allen Ernstes auf, sich endgültig zu entscheiden, entweder für die Theokratie oder für den Tabak. Erfreulicherweise gaben alle sofort die Rauchwaren ab und warfen unter Zeugen ihre Pfeifen ins Feuer. Die gemeinsamen Gruppenstudien belebten die Herzen der Brüder, sodaß der Geist in sehr guter Verfassung war. Wie so ganz anders draußen im großen Lager! Dort gab es zunehmenden Hunger sodaß Gras, Kräuter, -Baumrinden und Wurzeln gekocht und gegessen wurden. Hierdurch nahm natürlich Unruhe und Unzufriedenheit, wie auch die Zahl der Toten dauernd zu - täglich starben ungefähr 100 bis 110! Diebstähle, Raub und Schlägereien waren daher an der Tagesordnung. Besonders abends, wenn die Feuerstellen gelöscht werden mußten und unsere acht wachen stündlich aufzogen, konnten sie dies beobachten. Jedesmal, wenn dann ein Indianergeheul irgendwo angestimmt wurde, wußte man, daß wieder ein Dieb gefaßt und der öffentlichen Prügeljustiz überliefert worden war, dessen Leben dann in großer Gefahr schwebte.

Wie so ganz anders war das Leben beim Volke Gottes !   Hier war Friede Freude und Dankbarkeit der sichtbare Ausdruck göttlichen Segens. Und jeder Tag wurde gemeinsam mit Gebet und Lied beschlossen. Die nächste Großzuteilung des Lagers betrug dann am 28.4. , man höre und staune - pro Mann 8,8 g Speck und 3,5 g Grütze! Aber, wir hatten noch etwas Vorräte von den letzten Tagen, die rationell verwandt wurden. Als besondere Überraschung bekamen wir dann am 28.4. je drei Mann ein Rotes-Kreuz-Paket a ca. 6 Pfund. Das war eine gute Hilfe, weil der Inhalt recht vielseitig und wertvoll war. Kaffee, Tee und Zucker bzw. Dosenmilch wanderte in die allgemeine Küche, und kam so allen viel viel vorteilhafter zu Gute.

Am 29.4. früh um neun Uhr begann nun der Abmarsch. Im Vorbeigehen bekamen wir dann gleich am Ausgang des Waldes noch für je zehn Mann ein Rotes-Kreuz-Paket, worüber wir uns sehr freuten. Leider verloren wir hier unseren anständigen Kommandoführer, der trotz seiner Bemühungen nicht wieder bei uns zugeteilt wurde. Dafür bekamen wir einen richtig dämonisierten Menschen, der sich oft ganz unsinnig gebärdete. Sicherlich war dem Teufel unser guter brüderlicher Zusammenhalt ein Dorn im Auge.

Eben hinter dem Wald stießen wir dann auf den Ort Grabow, wo wir unsere Schwestern erwarteten. Dort waren nur weibliche Häftlinge untergebracht. Da nun die Gefahr bestand, daß unsere Schwestern beim Weitermarsch nicht wieder mit uns kamen, sondern mit den anderen Frauen marschieren mußten, hatten wir heimlich Nachricht gegeben, sie sollten unter keinen Umständen mit den anderen Frauen sich auf den Marsch begeben, sondern in Grabow auf unsere Ankunft warten und dann darauf bestehen, mit uns ziehen zu dürfen. Als wir nun kurz vor Grabow waren, sagte der obere Truppführer zu unserem schlechten Komandoführer: "Ist ihnen bekannt, daß hier in Grabow noch achtzehn Bibelforscherfrauen warten, um ihren Treck angegliedert zu werden?" Da antwortete der sofort: "Das kommt gar nicht in Frage, dazu habe ich keinen Auftrag, die mögen alleine marschieren; mit uns kommen sie auf keinen, Fall!" Auf unsere Vorstellung, daß sie doch auch schon vorher mit ausdrücklicher Genehmigung der Lagerleitung mit uns marschiert seien, gab der andere Truppführer dann die Erlaubnis, bestimmte aber, sie sollten sich aber am Ende des Trecks anschließen Wie wir nun in den Ort Grabow einzogen, standen unsere Schwestern tatsächlich schon angetreten. Die stürmische und freudige Begrüßung entwaffnete unseren Komandoführer derartig, daß er, als die Schwester - als sei dies ganz selbstverständlich - sich wieder in unsere Reihen einreihten, mit seinem Protest bald erlahmte, und so marschierten sie wieder mit uns. Die Schwestern hatten sehr schöne Zeugniserfahrungen gemacht und auch noch vier Zentner Kartoffeln für uns alle erworben.

Nach etwa einem Marsch von einer Stunde begegnete uns ein höherer SS-Offizier, der mit einiger Bestürzung die Anwesenheit der Schwester in unserem Treck feststellte und ganz entsetzt ausrief: Ja, was ist denn das? Da sind ja Frauen mit in dem Treck., was tun denn die darin? Mal sofort mit denen da raus!" Nach kurzem Zögern trat ein Bruder hervor und sagte: "Daß die Frauen unsere Glaubensschwestern seien und mit wissen und Erlaubnis der Lagerleitung bei uns seien, weil bei uns keinerlei Ungehörigkeiten diesbezüglich zu erwarten sei." Darauf sagte er: "Dann ist es etwas anderes, dann mögen sie drinbleiben!" Als er uns dann öfter mal begegnete begrüßte er uns fast immer mit einem freundlichen Lächeln.

Als wir etwa 12 km marschiert waren, machten wir eine Pause, in der dann die erhaltenen Rot-Kreuz-Pakete aufgeteilt wurden. Beim Wiederaufbruch dauerte dem dämonisierten Kommandoführer die Sache wohl zu lange, er geriet wieder in Wut und tat den berüchtigten Ausspruch, in dem er zu schlagen drohte: "Ihr Hunde, ich weiß daß ich verrecken muß, dann sollt ihr aber erst dran glauben!" Satan, sein geistiger Vater, hatte ihm also schon offenbar die Aussichtslosigkeit seines weiteren Lebens vor Augen geführt und er war nun bereit, nach dessen Grundsätzen zu handeln: "Sοll ich nicht dein Bruder sein, schlag' ich vorher alles kurz und klein!" Das waren nette Aussichten für die Weiterfahrt! In der Tat, so setzte er auch später sein Toben fort, spie Gift und Galle, bis wir dann gegen Abend in einem kleinen Wäldchen bei Buddenhagen mit anderen Gruppen wie eine Herde Vieh zusammengeknüppelt wurden.

Am anderen Tag marschierten wir dann ca. 25 km und kamen nach Friedrichsruh, in einem Wäldchen vor Siegelkow. Den Schwestern wurde hier ein Βretterverschlag angewiesen, durch dessen Spalten der Wind aus allen Richtungen pfiff. Auf eine Reklamation der Brüder, daß hierin doch die Frauen unmöglich übernachten könnten, meinte der böswillige Kommandoführer: "Ich werde euch noch Chaisolonges und Stühle für eure Damen besorgen! Morgen werden die Frauen abgehängt, sie marschieren morgen nicht mehr mit!" Sie wurden dann aber doch in einer Scheune untergebracht, wo sie eine erfreuliche Erfahrung im Zeugnisgeben machen konnten. Auch wir Brüder hatten hier eine lehrreiche Erfahrung, wie durch geduldiges Vertrauen auf den Herrn stets eine bessere Lösung getroffen wird, als durch ein vorschnelles Handeln. Wie wir ankamen, war der ganze Waldplatz schon fast überall besetzt. Wir wurden nach einem Platz verwiesen, der viel zu eng für uns war. Dann wurden wir von einem anderen Posten wieder vertrieben, weiter in den Wald hinein, wo sich nun schon andere niedergelassen hatten. Zögernd standen wir nun herum und warteten auf eine Entscheidung. Dadurch verstrich kostbare Zeit, in der scheinbar der Rest des Platze belegt wurde. Viele Brüder wurden nun etwas unwillig über diese Unentschlossenheit, indem sie meinten: "Wenn andere schon längst ihre Feuerstelle in Gang haben, stehen wir immer noch zögernd herum, anstatt kurz entschlossen heran zu gehen und mit etwas mehr Selbständigkeit sich die besseren Plätze zu sichern. Menschlich gesehen war dies schon richtig, aber der Herr zeigte uns, daß er bei einem vertrauensvollem Zurückhalten und Abwarten aus seiner Führung bessere Plätze zu besorgen vermag, als wie wir es von uns aus zu tun vermochten und zwar auf folgende Weise: Es lag am äußeren Waldrand ein kleines Häuschen, dessen Besitzerin, - eine Witwe gewiß aufgrund gemachter Erfahrungen - sehr ängstlich war. Sie hatte deshalb bewirkt daß zwischen ihrem Besitz und den Häftlingen eine neutrale Zone gelassen wurde, um ihr Holz usw. zu sichern. Da wir nun immer noch ohne Lagerplatz waren, bekamen wir diese Freizone zugewiesen. Das Stück war schön abgesondert von den anderen, dazu sauber und ruhig. Ebenfalls hatten wir hier bequeme Wasserlgelegenheiten. Die ängstliche Frau wurde in Laufe der Zeit auch sichtlich ruhiger und zutraulicher und tat uns dann noch so manches Gute, und es gab hier gute Zeugnisgelegenheit. Somit wurden wir.noch reichlich entschädigt für unser geduldiges Warten.

Am anderen Morgen marschierten wir wieder weiter und kamen nach einem Marsch von ca. 20 km nach einem kleinen Wäldchen bei Crivitz. Der Weg nach dort war zwar nicht so weit, wurde aber durch eine schlechte Führung außerordentlich beschwerlich. Das Gelände war etwa; hügelig, sehr wasserreich und zum Teil morastig. Dadurch, daß die Führung kein bißchen voraus disponierte, mußte der Treck ca. 4 bis 5 km unnötig die schweren Wagen durch den schlechten Weg quälen, sodaß alles am Ende seiner Kräfte war. Aber wir kamen auch hier zur Ruhe. Unsere Schwestern waren wieder in einem kleinen Dorf (Crivitz) in einer Scheune untergebracht. Sie hatten dort sofort das Zeugnis vom Königreich Gottes von Haus zu Haus gegeben und dabei so viele offene Herzen gefunden, daß sie uns noch am Abend in unserem kleinen Waldlager besuchten, um uns voller Freude davon zu berichten. Sie hatten u.a. Kartoffeln, Mehl, etwas Brot usw. für uns einkaufen können, so daß gleich noch etwas gekocht werden konnte. Es erwies sich jetzt so recht, daß unser Zusammen reisen mit den Schwestern des Herrn Billigung fand und daß wir in der ersten Zeit nicht nur für sie, sondern später auch sie oft für uns ein Segen sein durften. Wasser war ebenfalls hier reichlich vorhanden, sodaß wir auch diese Nacht sehr gut verlebten und am anderen Morgen wieder fröhlich unserer Straße zogen.

Als wir nun am 2.5. morgens aufbrachen, kamen wir bald in einem Walde vor Schwerin an. Inzwischen waren die Amerikaner auf der ändert Seite der Stadt sehr nahe gerückt. Gleichfalls sollte auch der Russe hart auf der Ferse sein in der entgegengesetzten Richtung. Man merkt« dies auch an den erhöhten Fliegerangriffen, besonders der Tiefflieger. Ebenfalls kam der Kanonendonner auf beiden Seiten immer näher. So gegen Abend des Tages waren die Amerikaner bis auf 6-7 km vor Schwerin gekommen. Setzt kam begreiflicherweise eine gewisse Unruhe in die Kolonnen - mit Ausnahme bei uns Zeugen Jehovas. Am aufgeregtesten war die Wehrmannschaft. Diese Unruhe wird man verstehen, denn jetzt sollte der große Moment der Übergabe an die Amerikaner kommen! Ein Moment von größter Entscheidung für beide Teile - sowohl für die Häftlinge als auch für die SS. Den ersteren stand die baldige Befreiung, den anderen aber eine ungewisse Gefangenschaft bevor. Plötzlich fingen unsere Helden an zu schlottern. Die meisten redeten uns plötzlich mit Kameraden an und sprachen z.T. frei und offen davon, daß sie diese Nacht noch türmen wollten, da die Führung sich schon am Spätnachmittag aus dem Staube gemacht hatte. Ein ganz gewissenhafter Offizier versuchte dann noch am Abend, die Lagerwache einzuteilen und die Postenkette zusammenzustellen, stieß aber auf große Verständnislosigkeit, ja auf offene Meuterei. Es wurde ihnen vorgehalten, daß die Leitung doch schon das Feld geräumt hätte, worauf er die Leute in alter Form zur Raison zubringen versuchte, aber vergeblich. Die nun von den ehemaligen Häftlingen zwangsweise als Lagerschutz" kommandiert waren, schmissen ihre Waffen in den Wald, erschienen z.T. in Zivil und verabschiedeten sich von ihren früheren Kameraden. Andere wieder verschwanden in aller Stille.

Da trat nun - nach fast 9 bis 10 Jahren - zum ersten Mal der große Moment ein, wo wir ohne Bewachung frei durchs Feld gingen, um Wasser oder Stroh zu holen. Man verschwand zwar noch etwas zögernd, weil man an die Wirklichkeit noch gar nicht so recht glauben konnte, aber in der Tat! Soweit überhaupt noch SS da war, keiner kümmerte sich um uns. Wir machten uns nun in jeder Gruppe noch recht gemütliche "Laubhütten" mit richtigen Straßen dazwischen, die alle Namen erhielten. Zum Teil waren die Hütten sogar wasserdicht, denn es drohte zu regnen. Da dies nun vor unserer Freiheit die Endstation werden sollte, machten es die meisten sich noch recht wohnlich.

Am Abend setzten nun erhöhte Tieffliegerangriffe auf beiden Seite ein, auch der Kanonendonner wurde lebhafter. Es rasselte und rasselt in der ganzen Umgebung, sodaß es eine lebhafte Nacht zu werden versprach. Dazwischen hantierten die Russen und Ukrainer schon mit den fοrtgeworfenen Waffen der SS herum - ebenfalls ein ziemlicher Gefahrenmoment! Wir legten uns dann aber doch nach einem Gebet zur Ruhe nieder, wirklich gespannt auf den anderen Tag, der gewiß viel Neues für uns alle bringen würde.

Durch den leitenden Major bzw. Lagerältesten hatten wir die Mitteilung erhalten, daß die Russen im Anmarsch seien. Wir mußten mit Beschuß rechnen und sollten uns unverzüglich aufmachen, durch die amerikanische Sperre zu gehen, die ca. 6 km entfernt lag· In dem Waldlager entstand nunmehr wüstes Durcheinander, in stockfinsterer Nacht rannte alles hin und her. Zwischendurch ging das Geknatter der Salver welche immer näher rückten. Auch unter den Geschwistern entstand eine gewisse Unruhe. Es wurden die Gruppendiener zusammengerufen, über der Stand der Dinge - soweit wir sie übersehen konnten - informiert und sodann die Geschwister aufgefordertes ich zum Abmarsch bereit zu,machen, und an dem Wege Aufstellung zu nehmen. Aber es bestand keine Klarheit, was nun wirklich werden sollte. Die Straßen waren verstopft. Wir dachten an die Worte des Apostels: "Keinen Ausweg sehend, aber doch nicht ohne Ausweg!" Links, wo die Amerikaner waren, stand der Wald in Flammen, und rechts rückten die Russen immer näher heran. Die Brüder waren sich bald klar darüber, daß unter diesen Umständen ein Aufbruch nicht weise war. Wir wollten völlig auf Jehova vertrauen, der uns in den vergangenen Tagen so zahlreiche sichtbare Beweise seiner Führung, seiner Nähe gegeben und sicher bis hierher geführt hatte. Ein gemeinsames Gebet drückte unser völliges Verlangen und unser Vertrauen unser Herzen aus. Sodann legten wir uns wieder nieder und schliefen bis zum Morgen, trotz des Chaos, das uns umgab. Die Engel des Herrn hielten Wache um uns und bewahrten uns vor allem Übel. Diese Handlung erwies sich dann am nächsten Tag als direkt vom Herrn überwaltet. Denn der Abmarschbefehl des Majors am Vorabend war ganz offenbar in der Absicht gegeben worden, noch eine größere Anzahl von Häftlingen auf diese Weise im Schutz der Dunkelheit zu Tode zu bringen. Zum Beweis hierfür kamen einige der abmarschierten Häftlinge früh am Morgen retour, und berichteten, daß sie von der SS beschossen worden seien. Wir fanden dann auch tatsächlich einige uns bekannte Häftlinge erschossen und schwer verwundet am Wegesrand liegen.

Gegen 11 Uhr vormittags am 3. Mai brachen wir dann nach Schwerin auf - zum ersten Mal unter eigener selbständiger Führung ohne SS. Auf der Verkehrschaussee bot sich uns ein unvergeßliches Bild. Endlose Wagenreihen und Fußvolk zogen den Amerikanern entgegen. Wir kamen nur meterweise voran und brauchten ca. 6 Stunden, bis wir unseren nächste Lagerplatz: - ca. 10 km entfernt - erreichten. Fahrzeuge der Wehrmacht Wagen flüchtender Menschen aus allen Kreisen, Soldaten, Männer, Frauen und Kinder, alles flüchtete vor den Russen zu den Amerikanern. Die Chausseegräben und Felder an den Straßen waren übersät mit fortgeworfenen Gewehren, Munition, Ausrüstungsgegenständen aller Art, Papieren und Büchern, Wagen aller Art, zertrümmerte Autos, Kadaver von Pferden ein wüstes Durcheinander. Auf den Gesichtern der ruhelosen Menschen  spiegelte sich die Verzweiflung, die Not und das Grauen all der schmerzlichen Erfahrungen und bitteren Enttäuschung der letzten Tage. So erlebten wir das Ende einer falschen, gottlosen Weltanschauung wahnsinniger dämonisierter Menschen. Eine glänzende Seifenblase platzte, nachdem sie eine gewisse Höhe in 12 Jahren erreicht hatte und nun in ein Nichts zerfiel.

Wie wir nun später erfuhren, war selbst dieser Abmarsch gerade zur rechten Zeit überwaldet, denn zwei Stunden; später hatte sich die gestürmte SS plötzlich wieder im Walde versammelt, denselben in einer 3 Kette umstellt und dann zusammengezogen und systematisch alles niedergeschossen, was sich noch im Wald aufgehalten hatte. Im Ganzen wurden hierbei 360 bis 400 Häftlinge erschossen. Diese wurden später von den Amerikanern gesammelt, aufgebahrt und in Massengräbern in Schwerin Beerdigt, wobei die gesamte Schweriner Bevölkerung gezwungen wurde, an den aufgebahrten Leichen vorüber zu gehen - andernfalls wurde ihnen die Lebensmittelkarte entzogen.

Sie sollte so zwangsweise noch einmal die ruchlose Auswirkung der von ihnen gewählten "Massenmord"-Regierung sehen, um sich dann mit innerer Grauen und Beschämung abzuwenden.

Was wäre nun gewesen, wenn wir nur zwei Stunden länger in den Wald verblieben wären? Auch wir wären unter den Toten gewesen! - "wie groß ist deine Güte, ο Gott, daß Menschenkinder dürfen Zuflucht finden unter dem Schatten deiner Flügel!" Wir dachten auch an die Worte des Psalmisten, der da sagt: "Die Augen Jehovas durchlaufen die ganze Erde, um sich mächtig zu erweisen an denen, deren Herzen ungeteilt auf ihn gerichtet sind!"

Die nun folgenden Ereignisse sind so wunderbar, daß sie wert sind, für alle Ewigkeit in allen Einzelheiten festgehalten zu werden, denn es dient der Rechtfertigung des Heiligen Namens unseres Schöpfers, Jehova der Heerscharen!

Nun kam der große Moment! Wir durchschritten die erste amerikanisch Postenkette. Sie bestand z.T. aus Amerikanern, Polen und Franzosen (der franz. Freiheitskämpfer). Alle benahmen sich ruhig und korrekt, nicht nur uns gegenüber sondern auch im allgemeinen.

Wir kamen jetzt in ein provisorisches Auffanglager in Zippendorf, ein Vorort von Schwerin. Rechts am Eingang des Kamps, wie ihn die Amerikaner nennen, wurden wir eingeteilt und geradeaus - auf einer großen Wiese - war das Militärauffanglager. Wir richteten uns nun nach erfahrenem Muster wieder ein. bauten unsere Zelte und Unterkünfte, ebenfalls Kochstellen und Gruben. Schon nach kurzer Zeit war es wieder ganz wohnlich bei uns, sodaß wir etwas zur Ruhe kamen. Nun gedachten wir der Größe des Augenblicks, menschlich gesprochen; frei von dem jahrelangen Joch unserer Peiniger! Zwar war diese Befreiung ja noch keine Vollendete, aber es handelte sich ja nur noch um eine vorübergehende Quarantäne. Wenn wir sie jetzt auch leider noch einige Tage im Freien verleben mußten, so war doch gerade dieser Umstand ein Anlass dafür, Gottes Hand zu spüren und seine Überwaltung zu sehen, wie es wohl sonst kaum so deutlich der Fall gewesen wäre.

Hier sahen wir nun ständig die traurigen, sich auflösenden Reste des "Ruhmreichen Römischen Reiches Deutscher Nation" an uns vorüberziehen, entwaffnet und in eine ungewisse Gefangenschaft abziehen, wir sahen hohe deutsche Offiziere in voller Montur, aber ohne Waffen, aller gewesener Waffengattungen - Arbeitsdienstler, Hitlerjugend und auch unser Glanzstück deutscher Kultur, Angehörige der Waffen-SS und der Totenkopf-Verbündeten, wie manches bekannte Gesicht verabscheuungswürdiger Größe, SS-Führer und Blockführer aus Sachsenhausen, zogen nun entwaffnet und gedemütigt an uns vorüber, Größen, die wenige Wochen zuvor noch triumphierend mit dem Leben der Häftlinge gespielt und sie zu Tode gemartert hatten, wie der Lagerführer Höhne, der Rapportführer Böhm usw. gingen nun den harten weg der Vergeltung. Einige erlebten schon den anderen Morgen nicht mehr!

Alle anderen Bekannten wurden immer durch ihre früheren Häftlinge "Stürmisch" begrüßt mit Schmährufen, dann von den Polen und Russen am Wege ausgeplündert und z. T« verprügelt unter der stillschweigenden Duldung der amerikanischen Bewachung, die sich nur die besonderen Kennzeichen dieser "alten Bekannten" und den Grund der großen "Anhänglichkeit" und Aufmerksamkeit von seitens der Häftlinge erklären ließ und dann schließlich der Schmach dadurch ein Ende bereitete, indem sie sie kurzerhand in das gemeinsame Lager verwiesen, das inzwischen immer voller wurde. Und immer noch strömten neue Scharen herbei. Wenn nun auch viele Unschuldige und Harmlose diese Los teilen mußten, so mußten wir dennoch in Bezug auf unsere Peiniger und General Vertreter "Deutscher Kultur" unwillkürlich an die Erfüllung der Schrift denken, die da sagt: "Ihr werdet sehen, wie den Gottlosen vergolten wird und euer Herz wird sich freuen"... usw. So wunderbar und buchstäblich hatten wir uns die Erfüllung unserer Ankündigung vom 7. Okt. 1934 doch niemals gedacht! Da sahen wir in der Tat, wie Jehovas Gericht abrechnete mit den großen Göttern, die in den Tagen unserer Trübsal und ihrer Größe so oft gespottet hatten: "Wo bleibt denn nun euer Jehova?"

Wie mancher von ihnen mag sich jetzt unseres standhaften Zeugnisses ihnen gegenüber von damals erinnert haben, zumal sie direkt an unseren Lager vorüber mußten und somit gezwungen wurden, die sichtbare Antwort Jehovas an denjenigen zu sehen, denen sie immer wieder ihre restlose Ausrottung zugesichert hatten! Die sie ausrotten wollten, standen lebend vor ihnen, und sie selbst gingen einer sehr zweifelhaften Zukunft entgegen.

Im allgemeinen wurden sie von den Amerikanern sehr anständig behandelt, viel besser, als sie es oft in ihrer Propaganda dem Volke vorgemacht hatten. Nur diejenigen, die sich einer allzu stürmischen "Begrüßung" von seitens der Häftlinge erfreut hatten, wurden gleich gesondert gestellt und einem besonderen Verhör unterzogen. Der Lagerführer Höhne wurde noch am selben Abend erschossen, weil er sich an den unterwegs ausgeteilten Intern.-Rote-Kreuz-Paketen vergriffen hatte und ca. 6000 für die SS den Häftlingen unterschlagen hatte. Ebenfalls der Rapportführer Böhm und 1. Lagerführer Kolb wurden unter besondere Aufsicht der Amerikaner genommen.

Am folgenden Tage kam die Fortsetzung. Dann wurden alle Offiziere herausgesammelt und auch die S3 abgesondert und in ein anderes Lager gebracht. Jetzt bekamen wir etwas mehr Zeit zur Selbstbesinnung und wir schauten uns etwas in der näheren Umgebung um - soweit es erlaubt wurde. Da gab es viel zu sehen! wie am vorigen Tage sahen wir hier wieder dasselbe Bild. Viele verlassene Autos und auch Privatgefährte lagen und standen an den Wegen, zum großen Teil ausgeplündert bis auf den nackten Wagen. Was man dort alles in den Chausseegräben und an den Wagen alles herumliegen sah spottet jeder Beschreibung: Kleidungsstücke, Ledergegenstände, Pläne, Umhänge, Schreibmaschinen, Papier, Aktendeckel, Schreibmaterialien, Radioapparate, wagen groß und klein, Autos und Pferde großer Anzahl! Alles herrenloses Gut, welches oft von den Besitzern umsonst angeboten wurde, weil sie sich dessen entledigen mußten, da sie entweder heimatlos waren oder weil sie selbst in die Gefangenschaft gingen. Unter den zertrümmerten und liegengelassenen Utensilien aller Art befanden sich auch Lebensmittel wie Fleisch, Erbsen, Brot, Zucker, Haferflocken, Büchsenfleisch und Kartoffeln, sodaß wir reichlich zu essen hatten. Soviel wir vorher auch entbehren mußten, so reichlich waren wir jetzt eingedeckt. Dieser große Unterschied in unserer Lebensführung hatte verständlicher weise natürlich eine gewaltige Reaktion zur Folge, sodaß viele Geschwister an Durchfall und Magenbeschwerden erkrankten. - wir blieben hier bis zum 5.5.1945.

Zum ersten Mal nach vielen Jahren fühlte sich nun Gottes Volk frei von seinen Bedrückern und Henkersknechten, die so lange den Namen Jehovas und Christi geschmäht und gelästert hatten. Frohen Herzens und voller Dankbarkeit stimmten wir das Lied an: "Die Ehr' sei Jehova" Diese dankbare Herzensstimmung kommt zum Ausdruck durch eine

RESOLUTION die einstimmig angenommen und die nachfolgend aufgeführt wird:

Wir versammelten Zeugen Jehovas senden unsere allerherzlichsten Grüße an das treue Bundesvolk Jehovas und seine Gefährten in aller Welt mit Psalm 124. Es sei euch kund, daß unser großer Gott, dessen Name Jehova ist, sein Wort wahrgemacht hat an seinen Volke, insbesondere im Gebiet des Nordkönigs. Eine lange, harte Prüfungszeit liegt hinter uns, und die aus dem Feuerofen hervorgegangenen Bewährten haben nicht einmal den Geruch des Brandes an sich. (Daniel 3:27) Im Gegenteil, sie sind voller Kraft und Stärke Jehovas. und warten heißen Herzens auf neue Befehle des Königs, zur Wahrnehmung der theokratischen Interessen. Unsere Entschlüsse und unsere Dienstbereitschaft sind ausgedrückt in Jes. 6:8 und Jer. 20:11 (Menge-Übers.). Die Absicht des Feindes, Gottes treues Volk in diesem Lande durch unzählige, teuflische Gewaltmethoden, sowie tausend mittelalterlicher jesuitischer Inquisitionsmethoden körperlicher und geistiger Art, als auch durch vielerlei Schmeicheleien und Verführungskünsten zur Untreue zuverleiten, ist dank des Herrn großer Hilfe und seines gnädigen Beistandes, den dämonisierten Hassern der Theokratie nicht gelungen. All das vielseitig Erlebte - dessen Schilderung viele Bände erfordern würde - ist kurz umschrieben in den Worten des Apostels Paulus in 2. Kor 6:4-10 und 11:25,27. Satan und seine dämonisierten Werkzeuge stehen erneut als Lügner da. (Joh 8:44) Die große Streitfrage ist wiederrum zum Ruhme Jehovas ausgetragen worden. (Hiob 1:9-11) Zu unserer und eurer Freude sei euch noch besonders mitgeteilt, daß uns der Herr Jehova eine reiche Beute schenkte, indem er uns 36 Menschen guten willens hinzufügte. Die bei unserem Auszug aus Sachsenhausen aus freien Stücken erklärten: "Wir wollen mit euch ziehen, denn wir haben gesehen, daß Gott mit euch ist!" Hier erfüllte sich Sacharja 8:23. Wegen des übereilten Auszuges konnten sich viele Freunde der Theokratie uns nicht mehr anschließen, aber Jehova wird es überwalten, daß sie bald wieder den Weg zu uns finden werden.

Wir Zeugen Jehovas erklären erneut unsere unbedingte Treue Jehova gegenüber und unsere restlose Hingabe an die THEOKRATIE

Wir geloben, daß wir nur einen wünsch haben nach der langen Kette unendlich vieler Beweise wunderbarster Bewahrungen und Errettungen aus all den tausend Nöten, Kämpfen und Bedrängnissen - während unseres Aufenthaltes in der Löwengrube - nämlich aus tiefinnerster Dankbarkeit Jehova und seinem großen König, Jesus Christus, willigen und freudigen Herzens bis in alle Ewigkeit zu dienen. Dies wäre unser schönste Lohn.

Unsere Resolution schließen wir in der freudigen Gewissheit, eines baldigen Wiedersehens, mit Psalm 48.

Eure Mitstreiter für Jehovas heiligen Namen.

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